Das Heute ist der ideale Zeitpunkt um sich einzubringen.
Baukultur.jetzt!

Wohn- und Städtebau neu gedacht

"Ich sehe ein Haus mit beeindruckend ansprechenden Freiräumen samt Garten und Räumen im und um das Haus für selbst-/ betreute Kinder. Im Erdgeschoß befinden sich ein Café, ein Gemeinschaftsbüro, eine Werkstätte und eine großzügige Gemeinschaftswohnküche. Spaziert man rund um das Haus herum, sieht man keine Autos, keine PKW-Stellplatze, keine Tiefgarageneinfahrt beeinträchtigen das Bild - dafür sieht man zahlreiche Fahrräder unterschiedlicher Ausprägung und Größe im Unter- und Erdgeschoß. Die Fassade des achtgeschossigen Generationenhauses lässt vermuten, dass keine Wohnung der anderen gleicht und dennoch zeichnet es sich durch ein homogen gestaltetes, strukturiertes Erscheinungsbild aus, das sich in die Nachbarschaft einfügt, sich aber von dieser in seiner Qualität vom Großmaßstäblichen bis ins Detail hin abhebt. Der Übergang vom öffentlichen Raum in den halböffentlichen Raum ist wohltuend fließend, die Schwelle zum Privaten ist klar spürbar. Ich erklimme ein spannendes Stiegenhaus, das viel mehr als eine den Vorschriften entsprechende Verkehrsfläche darstellt. Gästezimmer, Bibliothek, Sauna und Garten am Dach ergänzen den Anspruch der Bewohner*innen nach hohem Nutzen und hoher Qualität. Obwohl es die Tageszeit nicht vermuten lässt, wirkt das gepflegte Haus sehr belebt."

Generationenhaus / Mehrgenerationenhaus
Dies kann einerseits eine generationenübergreifende langfristig angelegte Lebensform in einer Haus- oder Wohngemeinschaft mit einem entsprechend höheren Anteil an Gemeinschaftsflächen sein. Andererseits kann es auch ein für Angehörige verschiedener Generationen offener Treffpunkt der Begegnung, des Austauschens und des sich gegenseitig Unterstützens sein.

Ist dies ein Erfahrungs- besser ein Erlebnisbericht eines typisch österreichischen genossenschaftlichen Wohnbaus? Wie viele Menschen in unserem Land können ihrem Haus so viele Qualitäten zuerkennen? Ist unser landauf landab erlebbares Wohnbauangebot nicht geradezu ein Ansporn, vom Einfamilienhaus im Grünen zu träumen?

Wohnbau soll bezahlbar und in ausreichendem Maße verfügbar sein. Das ist der primäre Auftrag, den die öffentliche Hand den mehr oder weniger gemeinnützigen Genossenschaften und privaten Bauträgern vorgibt. Sie sollen den stetig in ihrer Vielfalt wachsenden und Kosten treibenden Vorschriften entsprechen und Privat-PKW viel Platz einräumen. Dann werden die Bürger*innen zufrieden sein. Sind sie aber nicht. Die Zeiten sind vorbei – und es hat es nie gegeben – dass Bürger ihre Verantwortung alle 5 oder 6 Jahre an der Wahlurne abgeben, und ihr ursächlich privates und öffentliches Leben Bestimmendes nach oben delegieren. Dieses Land dürstet nach professionell begleiteter Teilhabe, nach dem Anspruch graduell anzupassender Partizipation – auf allen Ebenen! Dieser eben beschriebene öffentliche Wohnbauauftrag an Genossenschaften ist alleine aus diesem Grund nicht ausreichend formuliert.

Die nicht stattfindende vertiefte Wohnbauforschung befähigt die öffentlichen Auftraggeber auch nicht gerade darüber zu befinden, wie man vorausschauend beispielsweise auf den gesellschaftlichen Wertewandel und den demographischen Wandel mit einer entsprechend anspruchsvollen Wohnbaustrategie begegnen sollte. Alleine die materiellen Werte, die mit dem Bauwesen verbunden sind und die Tatsache, dass ein Arbeitsplatz am Bau zahlreiche andere Arbeitsplätze schafft, lässt auch Laien erkennen, dass das Bauwesen einerseits eine langlebige und schwergewichtige Schlüsselrolle in unserer Volkswirtschaft darstellt, die sich gut entwickelt, wenn sie im Wettbewerb steht und durch die Medienlandschaft getrieben wird, wenn der Wettbewerb fehlt. Welchen Gemeinden in Österreich sieht man an, dass sie erkannt haben, dass sie in einem knallharten Standortwettbewerb stehen und sich diesem bewusst stellen?

Welches Bild und welche Werte wollen Kommunen ihren Bewohner*innen und Menschen von außen vermitteln, die zuweilen geradezu bemitleidenswert durchschnittliche Dorf-, Siedlungs-, Stadtentwicklung und konventionellen Wohnbau mit nur Gleichem vom Gleichem feilbieten? Die ländlichen Gemeinden sehen sich mit Abwanderung nicht nur ihrer jungen Bevölkerung und sich leerenden Ortskernen konfrontiert. Dies ausgenommen der ursprünglich ländlichen Umlandgemeinden im Speckgürtel größerer suburbaner und urbaner Anhäufungen von Gebautem, die sich die Bezeichnung Stadt schwerlich verdienen, sehen sich wiederum ob einer nicht versiegenden hohen Nachfrage nach wertvollen Böden unserer Kultur- und Naturräume verzerrenden Schlafstätten im Grünen gefordert. Bevorzugt breiten sich diese in Zersiedelungs- und Ortsrandlage - die Ortszentren und das Gemeindeleben vernachlässigend - aus. Endlos eintönige, wie auch zuweilen augenfällig egozentrisch, expressive Einfamilienhäuser im ganzen Land mit einem 3 bis 4 Meter Abstand (je nach Landesgesetz) zum Nachbarzaun zeugen vom Trugbild der erträumten Individualität und Zurückgezogenheit im Grünen, die das Leben lebenswerter machten. All die Kosten der Errichtung, des Erhalts und des Betriebes der daraus resultierenden Infrastruktur für Verkehr, Ver- und Entsorgung, Betreuung, etc. werden den neuen Siedlungsflächen nicht zur Gänze aufgeschlagen, und überfordern somit dauerhaft viele Kommunen.

Wie sehen Häuser und Prozesse aus, die ihre Bewohner*innern und ihre Umgebung wertschätzen und diese für ein aktives Miteinander motivieren? Wenn es um immaterielle aber auch materielle Werte wie Leistbarkeit geht, führt an ihnen gegenwärtig wie auch zukünftig kein Weg mehr vorbei. Exemplarisch sei hier aus einem großen Repertoire von positiven Möglichkeiten das gemeinschaftliche Wohnen als gewinnende Alternative skizziert.

Gemeinschaftliche Wohnprojekte können einerseits das Ergebnis eines sehr individuellen, selbstorganisierten gemeinsamen Planungs- und Bauprozesses eines Um- oder Neubauprojektes sein. Sie sind zumeist auch im Betrieb selbstorganisiert. Sie regeln das Zusammenleben und teilen miteinander ihr gemeinschaftliches Eigentum. Das unterscheidet sie von Baugruppen, die in der Regel einen niederschwelligen, günstigeren Weg der individuellen Eigentumsbildung aber nicht zwingend gegenseitige Verpflichtungen und Verantwortung füreinander über das Maß einer normalen Nachbarschaft hinaus anstreben.

Gemeinschaftliche Wohnprojekte können aber andererseits auch beispielsweise auf Initiative von Trägerorganisationen zur Erfüllung bestimmter Betreuungsziele noch ohne oder mit kaum Einbeziehung der späteren Nutzer in Planungs- und Bauphase entstehen. Hier bedarf es Empathie, Erfahrung und vertiefter Fachkenntnis, den zukünftigen Mitbewohnern die erforderlichen Rahmenbedingungen für ein dauerhaftes Leben unter einem Dach zu ermöglichen, und ihnen die nötige Privatheit im angemessenen Umfang, wie auch die Struktur für ein hohes Maß an gemeinsam gelebter Verantwortung zu bieten. Jedes Projekt ist ein Unikat, verfügt über individuelle Schwerpunkte, eine einzigartige Lage, unvergleichliche Bewohner*innen und viele Besonderheiten mehr. In dieser Heterogenität benötigt es keinen abschließend gültigen Kriterienkatalog, was gemeinschaftliches Wohnen ausmacht. Es lassen sich in auffallend vielen Projekten jüngerer Zeit verstärkt Strukturen des miteinander Teilens erkennen. Die gemeinschaftliche Nutzung von Infrastruktur beispielsweise für unterschiedliche Formen gegenseitiger Betreuung von jung bis alt, für die Aufnahme von Gästen, für eine gemeinsame Mobilität (E-/ Car-/ Scooter-/ Bike-Sharing, übertragbare Jahreskarten, etc.), für den Betrieb gemeinsam geführter Büro-, Handels- und Gewerbeflächen oder für Unter-/ Vermietung von Gemeinschaftsräumen, für den Betrieb eines Selbstversorgergartens und vieles mehr.

Der Faktor Nachbarschaftshilfe fällt in Bezug auf den Wegfall eines entsprechenden Lohnanteils marktbezogener, gewerblicher Dienstleistungen (Maler-, Bodenlegerarbeiten, gärtnerische Arbeiten, etc.) volkswirtschaftlich nur geringfügig oder gar nicht ins Gewicht. Der Materialanteil samt Steuern wird in manchen Fällen nur umgesetzt, da ohne die Selbsthilfe der Konsum gar nicht stattfände.

Wesentlich spannender sind die für die Volkswirtschaft wertvollen Effekte gemeinschaftlichen Wohnens. Viele Projekte sind so angelegt, dass sich die Verweildauer als sehr hoch herausstellt und die Inanspruchnahme von Senioren- und Pflegeeinrichtungen kaum oder gar nicht in Anspruch genommen werden müssen, und in der Folge, die Errichtung und der Betrieb dieser Betreuungsplätze entsprechend reduziert werden kann. Die demographische Entwicklung Mitteleuropas wird diese für kommunale Budgets und Sozialversicherungen positiven Effekte noch verstärken. Diese Projekte wirken sozial stabilisierend, da Verantwortung füreinander beispielsweise Vereinsamung entgegenwirkt und Kinder von Beginn an im füreinander da sein aufwachsen.

Wenn man solch attraktiven, die individuellen Bedürfnisse abbildenden Häuser und Siedlungen in unseren Städten errichtet, wieso sollte man da noch aus einer / in eine Umlandgemeinde tagtäglich ein- / auspendeln wollen, wo sich doch die Stätten der Arbeit, Bildung, Ausbildung und Kultur in eben dieser Heimatstadt befinden?

Liebe Kommunen, stellt diesen Projekten nur 20% eurer zu entwickelnden Flächen zu Verfügung, und vergesst nicht, diese auch im Zentrum - und was davon übrig blieb - zu sehen. Neubau ist nicht alles! Wenn wir lernen, aufrichtig und nachhaltig zu kalkulieren, ist plötzlich der Großteil aller Bauaufgaben im Bestand zu bewältigen. Betreibt Dorf- und Stadtreparatur, man kann beispielsweise auch Folgen fehlgeleiteter Siedlungsentwicklung der Vergangenheit abmindern. Hebt eure regionalen und lokalen Schätze, nutzt die mit eurer Identität gekoppelten Ressourcen und Potentiale. Es lohnt sich nicht mehr monofunktionell Wohnen, Einkaufen, Arbeiten, etc. ständig getrennt voneinander zu betrachten, weil sie sich vielleicht gegenseitig stören könnten und es überholte Gesetze und Verordnungen möglicherweise noch vorsehen. Es ist der systemimmanente, aus dieser Funktionstrennung resultierende unnötige Individualverkehr, der stört! Wenn ihr an Leistbarkeit denkt, hinterfragt massiv Stellplatzschlüssel und –verordnungen, denn mit dem autonomen Mobilität werden in 10 bis 15 Jahren 80% unserer Stellplätze ihre Funktion verlieren. Heute noch mit bis zu 6.ooo Euro pro Stellplatz zu fördern, ist ökonomisch schwer vertret- und verkraftbar. Es gibt schon heute auch in Österreich zukunftsweisende Alternativen - Mobilitätskonzepte.

Städtische Monofunktion / Charta von Athen
1933 wurde auf dem Internationalen Kongress für neues Bauen (CIAM) in Athen das vor allem von Le Corbusier vorangetriebene Manifest „Charta von Athen“ verabschiedet. Kern dieser Vision eines zukünftigen Städtebaus war die strikte Entflechtung städtischer Funktionsbereiche, wie beispielsweise der Schaffung von getrennten Vierteln für Wohnen, Arbeiten, Verwalten, etc. Seit seiner Veröffentlichung 1943 bestimmt es bis heute weltweit viele Stadterweiterungen und Stadtneugründungen.

Mobilitätskonzept
Mobilitätskonzepte dienen der Entwicklung und Umsetzung einer möglichst zielgerichteten Befriedigung individueller Bedürfnisse nach Mobilität. Sie entwickeln und unterstützen einerseits nachhaltige, umweltgerechterer, menschengerechte und verkehrspolitische Strategien, und anderseits eine unmittelbarere praktische, nutzerorientierte Vorgehensweise. Das findet beispielsweise durch einen Mix verschiedener Mobilitäts-Dienstleistungen statt. Der jeweiligen Ausgangslage entsprechend wird zunächst die Befriedigung der Nachfrage nach Mobilität entlang der bereits vorhandenen Infrastruktur optimiert und schrittweise - langfristiger betrachtet - die Infrastruktur der Nachfrage angepasst.



Denkt nicht nur in regionalen und überregionalen Dimensionen, denkt an den internationalen Wettbewerb der Standorte, macht euch attraktiv und einzigartig. Betreibt aktive vorausschauende Bodenpolitik, Raumplanung, Stadt- und Dorfplanung. Beauftragt anständige und kompetente Fachleute, die bereit sind, sich auf der Suche nach der besten Lösung im fairen und offenen Wettbewerb zu messen! Vergesst geladene und etwaige Referenzen huldigende Bewerbungsverfahren, die - welch Zufall - „bewährte“ Auftragnehmer*innen bevorzugen, sich aber als besorgniserregend marktverengend erweisen. Die Ergebnisse schauen entsprechend aus. Damit schließt ihr auch junge Fachkräfte aus, die ihr zuweilen in euren Gemeinden vermisst, die verständlicherweise dadurch wegziehen oder vom Markt gedrängt werden. Alles andere als ein fundierter, fairer und offener Wettbewerb auf allen Ebenen des öffentlichen Lebens – ausgenommen Bereiche für Schutzbedüftige - ist unserer sozialen Marktwirtschaft nicht würdig und schädigt diese.

Gezieltes Fördern statt Gießkanne